virtuell vs real?

Howard Rheingold war der erste, der das Phänomen der sog. “virtuellen Gemeinschaft” beschrieb. Ich möchte lieber nicht von einer virtuellen, sondern von einer Online Gemeinschaft sprechen.
Warum?
Virtuell bedeutet laut einem Online Fremdwörterbuchnur gedacht, scheinbar” — aber was ist es denn, wenn ich mit jemanden per eMail kommuniziere? Eine virtuelle, also nur gedachte, scheinbare Kommunikation? Ganz bestimmt nicht – den auch per eMail kommunizieren Menschen “real”, also wirklich miteinander. Was ist, wenn ich in einem Raum des Cyberspace – zb in einem klassischen Chatraum – mich mit jemandem zum Abendessen verabrede? War das dann nur eine “virtuelle” Verabredung? Muss ich also gar nicht hingehen? Was ist dann mit Telefongesprächen? Sind die dann auch virtuell? Schließlich ist der Cyberspace nichts anderes als “Der Raum zwischen den Telefonen” (wie Bruce Sterling 1992 definierte).
Nun, so ist also auch eine Gruppe von Menschen, die im Cyberspace Zeit miteinander verbringen, die über die verschiedensten Kanäle miteinander interagieren (man mache sich an der Stelle bewusst, dass das Internet aus viel mehr, als nur dem www besteht – indem Du Dich gerade befindest!), ist diese Gemeinschaft denn dann virtuell? Ich möchte diese Fragen entschieden mit Nein beantworten.

Aber was tun, wenn man eben dieses Phänomen hat? Irgendwie muss man ja darüber reden :-) – deswegen schlage ich vor (wie bereits viele andere vor mir), den Begriff virtuell wieder als das zu verwenden, was er bedeutet: scheinbar. Gehe ich in Second Life im Meer schwimmen, ist das Wasser, dass meine Spielfigur umgibt, virtuelles Wasser, denn es ist kein wirkliches Wasser, es verhält sich nur zu meiner Spielfigur so, als ob es Wasser wäre (und nach meinen jüngsten Erfahrungen tut es nicht mal das, es sieht schlicht und ergreifend nur aus als wäre es Wasser). Natürlich stellt sich hier die Frage: ist dieses Wasser, wenn es sich dann wie welches verhielte, für meine Spielfigur, die ja auch in gewissem Maße ein virtuelles Ich darstellt, nicht doch real? Aber lassen wir das…
Außerdem schlage ich vor, all das, was im Alltag und in den Zeitungen als “virtuell” bezeichnet wieder, ebenfalls als das zu bezeichnen, was es ist: nämlich online. Online Gemeinschaften, Online Kommunikation, Online Verabredungen für die auch in einer Offline Welt gelten.
Ähnlich verhält es sich mit den Begriff “Real Life” – wobei dieser im Zusammenhang mit “Second Life” eine ganz neue Bedeutung erhält, weswegen ich das Begriffspaar “RL<->SL” in diesem Zusammenhang für sinnvoll betrachte. Auch wenn man sich im Chat verabredet, und dann sagt “see you in Real Life” (cu in rl) dann wär es einfach bescheuert, zu sagen: wir sehen uns dann in der physikalischen Umwelt. Es ist, wie so oft, natürlich alles Kontext abhängig – je nachdem wo ich mich befinden, mit wem ich rede und was ich sagen will – im Chat ist der Ausdruck real life eindeutig, und jeder weiß wie es gemeint ist. Aber man muss sich bewusst machen, dass dies nicht immer die richtige Bezeichung ist. Dem Cyberspace zb wird auch schon seit langem der Begriff der “Meatspace” entgegengesetzt. Und jetzt?
Soviel zu den Begrifflichkeiten.
Aber was ist denn dann eigentlich Virtual Reality?

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